Selbstkontrolle und Selbstbetrug

Normalerweise bin ich kein Mensch, der sich leicht unterkriegen lässt. Aber manchmal gibt es eben so Phasen im Leben, wo sich Sorgen und Katastrophen
gleichermaßen mischen und stapeln.
Bei mir vermengen sich gerade mein eigener psychischer und körperlicher Zustand mit Anlässen von außen, die ziemlich kräftezehrend sind, und gerade in
solchen Tagen beginnt man besonders, über sich nachzudenken.
Das ist sicher eine Frage, die jeden Menschen mit psychischen Krankheiten beschäftigt. Wofür kämpfe ich eigentlich?
Sogesehen ist das Leben mit einer solchen Erkrankung in erster Linie nicht der Kampf gegen die Krankheit, sondern der Kampf, den man gegen sich selbst
kämpft. Aber warum?
Wir beherrschen uns, wir lächeln und machen Witze, wir arbeiten, funktionieren, so weit wir können halten wir Schritt mit dem Leben um uns herum. Aber
wieso?
Geht es dabei wirklich um uns?
Gibt es da nicht diesen alten Spruch?
"Hinfallen erlaubt, Aufstehen Pflicht."
Das Thema der psychischen Krankheiten ist, so scheint es oberflächlich, inzwischen salonfähig geworden. Natürlich, so ganz verkehrt ist das nicht. Aber
was bedeutet das genau?
Heißt es, dass auf uns mehr Rücksicht genommen wird? Bedeutet es einen rücksichtsvolleren Chef, tolerantere Freunde, eine aufgeschlossenere Familie?
Eher nicht. Es bedeutet in den meisten Fällen doch nur, dass der Ausgrenzungsgrund einen neuen Namen bekommen hat.
Also sprechen wir nicht drüber, ziehen uns privat zurück, funktionieren weiter und legen uns Masken zu. Wir lernen Selbstverteidigung durch
Selbstkontrolle. Wir machen uns stromlinienförmig und so gleich mit anderen, dass wir uns unter Menschen am einsamsten fühlen.
Wir töten unsere Emotionen ab, um uns nicht mehr zu fürchten, nicht mehr zornig zu sein, nicht mehr zu trauern, verlernen dabei dummerweise aber auch
echtes Lächeln und Lachen.
Aber das scheint nicht wichtig, da ein unechtes Lachen noch immer beliebter ist als eine echte Träne. Wir machen uns den Menschen zuliebe unmenschlich,
schweigen solange, bis wir uns selbst nicht mehr hören. Wir kleiden uns grell und bunt, damit man unser eigenes Grau und Schwarz nicht sehen kann, kümmern
uns um die Sorgen der anderen, um uns nicht um uns selbst kümmern zu müssen und einen starken Eindruck zu hinterlassen.
Aber hier hinkt es. Denn die einzig anerkannte Stärke ist die, welche man nach außen beweist. Nur nicht zusammenbrechen und zugeben, dass man nicht mehr
kann. Denn der leichtlebige stellt sich nur schwer vor, dass das Leben eben nicht immer leicht ist.
Der erste Grundsatz einer Therapie ist, dass man sie für sich selbst angehen sollte. Aber wieviele von uns tun das wirklich? Natürlich ist es keine
Option, sich nicht helfen zu lassen, um anderen nicht zu schaden, aber womit schaden wir anderen?
Oft betrachtet das eigene soziale Umfeld es schon als Schaden, wenn man nicht als ständiges Sonnenscheinchen auftritt, wenn man einem ansehen kann, dass
gerade nicht alles so gut läuft, dass gerade gar nichts gut läuft.
Wir gehen mit unseren Mitmenschen möglichst verschwiegen um, aber wehe, wir hinterlassen mit unseren Kümmernissen Kratzer in den Wänden ihrer Glashäuser.
Das Leben soll unkompliziert verlaufen. Der eigene abgebrochene Fingernagel sollte die schlimmste Sorge sein, und andere Menschen sind nur dazu da, mit
ihnen Spaß zu haben oder bei ihnen seine Sorgen loswerden zu können.
Zumeist kämpfen wir unsere Kämpfe allein, und einen Menschen zu finden, der uns dabei aussteht oder sogar hilft, grenzt an ein Wunder.
Also, wofür kämpfen wir?
Wir kämpfen, um in der Gesellschaft wieder zu funktionieren. Um uns nach ihren Normen und Wünschen richten zu können. Um wieder im Takt gehen zu können.
Um - wie sagt man so schön? - wieder am Leben teilhaben zu können, so zu sein, dass man uns wieder teilhaben lässt.
Wer heutzutage körperlich schwer und / oder chronisch erkrankt ist, bekommt den Schulterklopfer schnell, erhält viel Zuspruch und Anerkennung für seinen
Kampfgeist.
Wer macht sich Gedanken darüber, dass auch psychische Krankheiten leicht lebensgefährlich werden können? Dass sie jeden Tag Kraftanstrengung bedeuten, für
viele ein Leben lang?
Irgendwie haftet selbst den psychischen Krankheiten, die heute in aller Munde sind noch der Gedanke an, man hätte sein Schicksal in der Hand, könne sich
nur mit ein bisschen Selbstdisziplin zusammenreißen und alles irgendwie im Griff behalten.
Mit nichten liebe Leute, mit nichten.
Diese Gedanken beinhalten eigentlich kein bisschen Selbstmitleid. Es ist nur das, was bei der Betrachtung davon herauskommt, wo die psychisch erkrankten
heute immer noch stehen.
Wie gern sie heute immer noch übersehen, als schwach abgestempelt werden, wie oft diese Erkrankungen noch immer regelrecht xenophobe Reaktionen auslösen.
Wir sind in den letzten 50 Jahren nicht halb so viel weiter gekommen, wie es den Anschein haben möchte.
Vielleicht liegt es an uns. Vielleicht sollten wir, bevor wir überhaupt erst anfangen, an uns zu arbeiten, uns gegen die Schuldgefühle immunisieren, die
diejenigen in uns wecken, zu deren Unzufriedenheit wir mit unseren Problemen beitragen.
Vielleicht sollten wir uns erst den gleichen gesunden Egoismus zulegen, wie ihn die meisten gesunden Menschen besitzen.
Vielleicht können wir von den anderen keine Änderung und kein größeres Verständnis erwarten, solange wir uns selbst nicht abgrenzen, uns erst um uns
selbst kümmern und dann erst schauen, was andere über uns denken.
Uns selbst und anderen gleichzeitig gerecht zu werden ist ein Kurs, der zwangsläufig vor der Wand enden muss.
Dem Außenstehenden fällt es leichter, jemandem zu helfen, von dem er merkt, dass er sich selbst hilft. Aber wir müssen uns bewusst bleiben, dass es nichts
nutzt, nur Hilfe zu suchen, um wieder passgerecht für die Gesellschaft zu werden.
Denn das wäre der beste und schnellste Weg, um uns selbst endgültig aus den Augen zu verlieren.

16.4.16 13:21, kommentieren

Kunst, Genie und Wahnsinn

Da kann ich doch nur hoffen, dass dieser Artikel trotz des etwas abgeschmackten Titels weitergelesen wird.
Ich habe etwas auf mich warten lassen, aber meine letzten zwei Wochen waren auch etwas turbolent, dazu aber eventuell an anderer Stelle.
Seit ich 2012 meine Diagnose der bipolaren Störung bekommen habe, beschäftige ich mich, was logisch sein sollte, näher mit diesem Störungsbild in all seinen Facetten.
Ich treffe auch immer wieder auf Menschen, die von mir entweder erklärt haben wollen, wie sich diese Krankheit auswirkt oder anfühlt, oder die durch irgendwelche populärwissenschaftlichen Artikel extremen Irrtümern ausgesetzt sind.
Oft wird diese Krankheit, die im Volksmund auch heute noch unter "manisch depressiv" firmiert mit "himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt" beschrieben, das ist so nicht richtig.
Letztlich schwankt man aus meiner Sicht zwischen zwei extremen Kräften. Schubkraft und Bremswirkung.
Die Manie treibt, sie beflügelt sicher auch, aber hauptsächlich drängt sie, schiebt einen vorwärts und verlangt danach, ausgelebt, ja ausgetobt, ausgedrückt zu werden.
Die Depression hingegen will bremsen. Sie will drücken und verstecken, verschleiern. Sie verlangt nach Stillstand und Ruhe, nach Langsamkeit und Stagnation.
Hier liegt auch der Hase im Pfeffer für diejenigen, deren Krankheitskarriere von diversen Versuchen des Therapieabbruchs und dem Unterbrechen der medikamentösen Behandlung gezeichnet ist.
In der Depression vergisst man nur all zu leicht die negativen Aspekte der Manie. Man erinnert sich an die Euphorie, denkt daran, wie wenig Schlaf man gebraucht hat, wie produktiv, leistungsfähig und belastbar man war, wie leicht und unterhaltsam das Leben schien.
Ich selbst habe zehn Jahre gebraucht, bis sich bei mir ein ausreichender Leidensdruck einstellte, der mich in der richtigen Weise mit den Ärzten hat sprechen lassen. Das heißt, ich habe nicht nur meine Depressionen geschildert, sondern auch die manischen Symptome, was daran lag, dass ich die Kraft für diese Wechsel nicht mehr hatte.
Und dann begann das Lernen. Medikamente sind, wie sich viele von euch denken können nur ein Teil des ganzen. Jeder chronisch kranke Mensch muss sich zusätzlich Strategien aneignen, die zur Verbesserung oder zumindest zum Erhalt seines Zustandes beitragen.
Bei vielen psychisch kranken Menschen bedeutet das auch das Ausleben der eigenen Kreativität.
Betrachten wir uns mal die Kunst der letzten Jahrhunderte, finden wir in vielen Bereichen Künstler, die ihren eigenen und den Schilderungen nahestehender Menschen psychisch auffällig waren, heute auf ihren Gebieten aber gleichzeitig als Genies angesehen werden.
Nun stellt sich vielleicht die Frage, ob es zwischen Genie und Wahnsinn tatsächlich den viel gepriesenen Zusammenhang gibt.
Meiner Meinung nach nur bedingt, schon allein, weil zumindest in der Kunst der Begriff des Genies ein sehr dehnbarer und subjektiver ist.Längst nicht jeder Mensch mit einer psychischen Erkrankung wird Künstler und nicht jeder Künstler neigt zu einer psychischen Erkrankung.
Letztlich haben sie alle eines gemeinsam, die Schriftsteller, Komponisten, Maler oder Bildhauer.
Sie alle haben das Bedürfnis, ihre Kreativität nach außen zu bringen, sich auszudrücken, ihre Gedanken und Gefühle zu kommunizieren, damit andere Menschen anzusprechen, etwas bei ihnen zu bewirken.
Der Unterschied beginnt nach diesem Bedürfnis. Der Unterschied liegt allein darin, wie psychisch gesunde und kranke sich selbst und ihre Umwelt wahrnehmen. Wie sie denken, fühlen, wie ihr Inneres aussieht.
Auch ich sitze heute noch vor bestimmten Büchern der ganz großen Schriftsteller und frage mich fasziniert, wie dieser Mensch auf jene oder solche Ideen kommen kann.
Vielen gesunden Menschen geht es ähnlich. Der gesunde Künstler denkt in gewohnten Bahnen. Kunst ist Fühlen und Assoziation. Sie drückt aus, was im Bauch und Kopf, ja was in der Seele desjenigen vorgeht. Jeder Künstler gibt mit seiner Büste, seinem Bild, seinem Roman oder seinen Gedichten einen Teil seiner Selbst preis.
Bei, nennen wir es, ohne es abwertend zu meinen, normaler Kreativität, kann man die Assoziationen des Künstlers nachvollziehen, weil sie meist den eigenen entsprechen. Die Denkmuster des Künstlers sind für uns vertraut, sind gut verdaulich und liegen in der Regel leicht im Magen.
Wenden wir uns nun dem psychisch kranken Künstler zu. Das Grundbedürfnis, wie oben genannt, bleibt das gleiche, und ab hier wird es abwegig.
Denn auch der Schizophrene, der Bipolare, sie alle möchten vermitteln, was in ihrer Seele vorgeht. Aber dieses Seelenleben unterscheidet sich zum Teil so extrem von dem, was man gemeinhin als normal bezeichnet, dass diese Formen des Ausdrucks auf viele eine besondere Faszination ausübt.
Der Mensch ist neugierig. Er war es, und das wird sich nicht ändern.
Nehmen wir das Wort "neugierig" auseinander und als das, was es eigentlich heißt, landen wir bei der Gier nach dem Neuen.
Genau das ist es, was angesprochen und befriedigt wird, kann der gesunde Mensch durch ein Kunstwerk einen kurzen Blick auf etwas werfen, das manchmal fast wie eine andere Welt wirken muss.
Vergleichen wir E. A. Poes "Die Maske des roten Todes" und "Der Fall des Hauses Usher" miteinander, da ihm ebenfalls eine bipolare Störung zugeschrieben wird.
Die beiden letzten Nachkommen des Hauses Usher, Geschwister, verbringen ihre letzten Tage, bedingt durch eine durch Jahrhunderte andauernden Inzest verursachte Nervenkrankheit des Bruders in einem Haus, in dem keine Geräusche verursacht werden dürfen, in das kein Licht dringen darf.
Wie bei Poe zu erwarten gibt es auch hier kein glückliches Ende, und auch der Besuch des langjährigen Freundes ändert an der ausweglosen Situation nichts.
Das ganze Werk atmet die Depression. Der Leser bekommt eine Ahnung, wie sie sich anfühlt. Düster, drückend, schwer, schwächend und absolut hoffnungslos.
Die andere Geschichte macht einen eher gegenteiligen Eindruck.
Vor einer geheimnisvollen Seuche, im Volksmund nur "Der rote Tod" genannt flüchtet ein Adliger mit seinen Freunden auf ein Schloss, in dem er sich verbarikadieren möchte, bis draußen die Seuche nicht mehr umgeht. Auf dem Weg zum Schloss trifft er auf zwei Zirkusartisten. Eine kleinwüchsige Frau, die Tänzerin ist, und auf einen verkrüppelten jungen Mann, und er erkennt die Chance auf gute Unterhaltung, wenn er diese beiden mit in sein Domizil nimmt.
Nachdem beide so einige derbe Späße über sich haben ergehen lassen müssen, bekommen sie den Auftrag, ein rauschendes und außergewöhnliches Fest zu planen, denn die adligen Herrschaften beginnen natürlich, sich zu langweilen.
So werden die Gäste angewiesen, in komplett weißer Kleidung zum Fest zu erscheinen, und es werden Räume in verschiedenen Farben hergerichtet. Jede volle Stunde wechseln die Menschen das Zimmer, und jede Stunde bekommt so ihre eigene Farbe.
Also haben wir hier das komplette Gegenteil zur Stimmung im oben beschriebenen Werk.
Ein Rausch der Farben, Trinkgelage, Genuss und Dekadenz.
So könnte man auch einige Hauptaspekte beschreiben, welche die Manie ausmachen.
Man wirft durch Poes Augen einen Blick in die manische Welt aus Farben, der Sucht nach diversen Lustbarkeiten, einem gewissen egoistischen Leichtsinn und dem ständigen Versuch, sich in den Rausch der Sinne zu stürzen.
Ich selbst stand vor nicht all zu langer Zeit selbst vor der Frage, warum einige meiner Fotos so aussehen, wie sie aussehen, warum sie irritierend sind, teils Aggressionen oder sogar Kopfschmerzen verursachen, warum ich diverse Instrumente spiele, warum ich binnen kurzer Zeit bereits an einem zweiten Roman arbeite, aber die Antwort ist denkbar leicht.
Wie die meisten kreativen Menschen möchte ich mich einfach nur ausdrücken, etwas von mir selbst kommunizieren, der Unterschied ist nur, dass es auch meine Krankheit ist, die einen Weg nach außen sucht.
Der psychisch kranke Mensch sieht vieles anders, erlebt sich selbst und sein Umfeld auf andere Art und weise, er denkt, wie ich es nenne, seitwärts.
Man verarbeitet sein wahnhaftes Denken und fühlen, und das ist es meiner Meinung nach, was einige der Großen neben ihrem Können so hervorhebt.
Leider gibt es viele Künstler, die ebenfalls auch Könner sind, aber da sie in gewohnten Gewässern fischen, kommt beim, wie man es heute leider oft nennen muss, Konsumenten schnell das Gefühl auf, das Bild schon gesehen, das Buch schon gelesen zu haben.
Der Vorteil des wahnsinnigen Genies ist, dass ihm dies nicht so schnell passiert. Der Nachteil ist allerdings auch, dass man mit dessen Kunstwerken manchmal emotional nichts anfangen kann. Manches ist einfach zu fremd und unbegreiflich.
Abschließend und kurz gesagt ist meine Meinung diese:
Wahnhafte Kunst ist nicht besser, nicht genialer, sie ist nur anders, und das macht vielleicht am ehesten ihre Faszination aus.

18.3.16 13:14, kommentieren